Von gedruckten Betonvasen und Großmüttern: Die Ergebnisse der AMS New Digital Skills Initiative

Gestern, am 26.11.2019, fanden wir uns im Dachfoyer der Hofburg ein, um uns nach einigen arbeitsintensiven Monaten, die ganz im Zeichen der AMS New Digital Skills Initiative standen, nun endlich die Ergebnisse anzuschauen. Ich war ebenfalls dabei und darf euch heute abschließend nicht nur vom Event sondern auch von den zentralen Erkenntnissen des Projektes zu berichten.

Für alle, die es verpasst haben, hier eine kurze Rückschau, was in diesem Jahr in Sachen New Digital Skills passiert ist:
125 Unternehmen fanden sich in insgesamt 10 Workshops zusammen, um gemeinsam und aus der Arbeitspraxis zu erarbeiten, welche digitalen Fähigkeiten zukünftig notwendig sein werden, um den Anforderungen der Digitalisierung zu begegnen. Diese 125 Unternehmen wurden in fünf Branchen eingeteilt, zu denen jeweils zwei Workshops stattfanden. Ich selbst war ein paar Mal dabei und habe dazu hier am Blog einzelne Berichte verfasst, diese findet ihr jeweils hier:

Tourismus und Wellness, Handel, Produktion, Büro und Verwaltung und Bau.

Neben meinen, Zitat, „zugegeben lockeren Beiträgen“, gibt es noch den ausführlichen Ergebnisbericht mit allen Detailinfos. Der Forschungsbericht des IBW wird ab Februar 2020 zur Verfügung stehen. Dieser Blog hatte zum Ziel, einen nahbaren und unkomplizierten Zugang zu der Arbeit an der Initiative zu bieten und einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Ich hoffe, das ist mir gelungen und es war spannend für euch, den einzelnen Entwicklungen der Initiative hier zu folgen und laufend mitzulesen. Nun aber genug von mir. Was war da gestern so los beim Abschlussevent?

Auf Einladung von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und AMS-Vorstand Johannes Kopf tummelten wir uns also alle ins Dachfoyer der Hofburg. Corinna Milborn führte als Moderatorin durch den Abend.

Foto: Uschi Juno

Die Begrüßungsworte von Wolfgang Sobotka fassten Sinn und Zweck der Aktion ganz gut zusammen: „Die rasch voranschreitende Digitalisierung ist mit Hoffnungen, aber auch einer gewissen Ungewissheit, vor allem mit Blick auf die Arbeitswelt der Zukunft, verbunden. Hier gilt es Antworten zu finden, sowohl in dieser Hinsicht, als auch in Bezug auf die Frage, wie der europäische Wirtschaftsstandort für den internationalen Wettbewerb gestärkt werden kann. Daher ist es wichtig, dass die Debatte darüber auch im Parlament stattfindet. Die Zukunft gestalten heißt, Digitalisierung zu gestalten.“ Den gesamten Bericht des Parlaments zum Event könnt ihr hier nachlesen und findet da auch ein paar Fotos.

Ergebnispräsentation der AMS-Initiative „New Digital Skills“

Eine Zahl habe ich mir noch mitgenommen, nämlich: 92% aller an der AMS Initiative teilgenommenen Unternehmensvertreter/innen sind der Meinung, dass es einen deutlichen Qualifizierungsbedarf der Mitarbeiter/innen ihres Unternehmens gibt. Johannes Kopf hat an dieser Stelle bewusst betont, dass er von der neuen Regierung erwartet, dass das Thema Digitalisierung einen entsprechenden Stellenwert bekommt und ich denke, da waren wir uns alle im Saal einig

„Denken Sie an Ihre Oma!“ Keynote von Neurowissenschafter Henning Beck

In der launigen Keynote von Neurowissenschafter Henning Beck ging es darum, uns zu vermitteln, wie ein Gehirn im Vergleich zu einem Computer funktioniert. Also ganz grob. Für Details wäre die halbe Stunde wohl etwas knapp gewesen. Henning Beck zielte auch auf die Frage ab, ob eines von beiden „besser“ funktioniert und demnach prognostiziert werden kann, ob eines von beiden bald dominieren wird. Kurz: Nehmen uns Maschinen die Arbeit weg? Oder: KÖNNEN uns Maschinen die Arbeit wegnehmen?

Keynote Neurowissenschaftler Dr. Henning Beck
© Parlamentsdirektion / Thomas Jantzen

Eifrige LeserInnen dieses Blogs wissen, dass mich diese Frage ebenfalls umtrieb und würden jetzt richtigerweise auf diesen Beitrag verweisen.

Henning Beck hielt uns nicht nur mit wahnsinnig interessanten Fakten, sondern auch mit vielen anschaulichen Beispielen bei Laune. Zwei davon möchte ich mit euch teilen:

Was ist ein Sessel?

Wenn wir das Bild eines Gegenstandes sehen, das vier Holzbeine und eine Lehne hat, sind wir uns ziemlich sicher: „Das ist ein Sessel!“ Auch wenn dieser Sessel etwas anders aussieht, zum Beispiel nur drei Beine hat und keine Lehne, wissen wir: „Sessel. Ganz klar.“ Es reicht uns auch nur ein Bein oder kein Bein oder ein großer Ball oder ein stabiler Würfel, um das Teil als Sitzgelegenheit zu identifizieren. Denn relevant ist für uns: „Kann ich darauf sitzen?“ Falls ja -> Sessel. Und genau das kann ein Computer nicht. Er lernt, wie ein Sessel mit hoher Wahrscheinlichkeit auszusehen hat und schafft vielleicht noch ein paar Abweichungen. Das abstrakte Denken, Improvisieren und Kreativ sein ist dem menschlichen Gehirn vorbehalten. Umgelegt auf die Arbeitswelt könnte man sich überlegen: Ein Computer weiß, wie viele Sitzgelegenheiten ein Lokal hat, wenn ich die Anzahl angebe und er weiß vielleicht auch, wie viele Menschen sich in diesem Lokal befinden. Ergo kann mir der Computer sagen, ob noch Sitzgelegenheiten frei sind. Kommt dann eine größere Gruppe von Gästen ins Lokal, brauche ich einen Menschen, der den Raum unter die Lupe nimmt und sich überlegt: „Wie kann ich Möbel umstellen, verändern, zusammenstellen, neu nutzen um nochmal fünf Sitzgelegenheiten zu schaffen?“

Eine Blume / ein Baum / ein Wald

Ich male einen Strich mit einem Kreis oben drauf und sage euch: „Das ist eine Blume!“. Male ich anschließend einen größeren Strich mit einem größeren Kreis, werdet ihr sagen: „Das ist eine große Blume / ein Baum!“. Male ich anschließend mehrere Striche mit Kreisen oben drauf, werdet ihr wissen: „Das ist ein Wald!“. Auch das kann ein Computer nicht. Er kann den Input, dass es sich um eine Blume handelt, nicht auf den Baum oder den Wald umlegen. Für ihn ist Nr. 1 eine Blume und Nr. 2 ein großer Strich mit großem Kreis und Nr. 3 eine Gruppe von Strichen und Kreisen. Sage ich euch, dass der kleine Strich mit Kreis ein Kind ist, könnt ihr weiters folgen, dass die große Variante einE ErwachseneR ist und mehrere kleine und große Striche eine Familie.

Gehirne können demnach mit einem Input sehr schnell etwas dazu entwickeln.

An unsere Oma sollten wir übrigens eingangs denken, um zu veranschaulichen, wie schier unendlich die möglichen Gedanken, Ideen, Emotionen, Strukturen, Ergebnisse sind, die ein Gehirn hervorbringt. Die Oma kann man nicht definieren.

Fortschritt durch Innovation: Mit Denkmustern brechen

Wir denken also in Konzepten, sind kreativ und haben Denkmuster. Diese Muster zu brechen, fällt uns sehr schwer. Wir lieben Routinen und gleichbleibende Muster. Wir verabschieden uns oft nur sehr ungern von ihnen.

Die Geschäftsmodelle der erfolgreichsten Unternehmen arbeiten mit Denkmustern und strengen Routinen. Sie geben den Menschen, was sie erwarten und was sie kennen. Trotzdem braucht es den Mut, mit Denkmustern zu brechen um voranzukommen. Neue Konzepte, Ideen und den Antrieb, in unterschiedliche Richtungen zu denken. Gleichzeitig heißt das aber auch, Risiken einzugehen und eventuell Fehler zu machen. Diese Fehlerfreundlichkeit hat in unserer modernen Wirtschaft aber oft keinen Platz. Daher sehen die Smartphones seit 2007 auch alle gleich aus.

Neue Denkmuster bedeuten, keine Angst vor Fehlern zu haben, neue Strategien anzugehen und ausprobieren. Hinter neuen Denkmustern kann etwas großartiges Neues stecken – ich weiß es nicht aber kann es nur erfahren, wenn ich es probiere. Effektiv statt effizient! Zu viel Effizienz und Perfektionismus führen dazu, dass wir bei der kleinsten Veränderung ein Problem haben. Daher schloss Henning Beck mit folgendem Motto ab: „Machen statt perfekt machen!“

Liste der sieben Anforderungen der digitalen Arbeitswelt

Nur ein Spaß. Genau diese Liste gibt es nämlich nicht.

Johannes Kopf und Thomas Mayr vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft präsentierten abschließend einige der wichtigsten Punkte der Studie über die New Digital Skills, die in der heutigen Arbeitswelt gefragt sind.

Von links: AMS Vorstand Johannes Kopf, Thomas Mayr (Iibw)
© Parlamentsdirektion / Thomas Jantzen

Zentrales Ergebnis: Zusätzliche analoge Fähigkeiten werden gebraucht, um digitale Anforderungen zu bewältigen.

Beispiel RezeptionistInnen:
Diese müssen neuerdings Bewertungsplattformen bedienen können, sie müssen aber zusätzlich auch eine entsprechende Antworten auf kritische Bewertungen entwerfen können, die allen Anforderungen eines Krisen PR-Textes entsprechen. Damit hängt auch die steigende Bedeutung von Schriftlichkeit zusammen: Lese- und Schreibkompetenzen sind zentral.

Es reicht daher nicht aus, an hochqualifizierte Personen und IT-Kenntnisse zu denken, wenn wir an digitale Fähigkeiten denken.

Es gibt also nicht „diese sieben Anforderungen“, sondern es geht um ein digitales Grundverständnis, um eine Einstellung und eine Offenheit. Es geht um ein Wollen. Aus Basiswissen entsteht die Kompetenz, laufend auf neue Entwicklungen, Programme und Anforderungen zu reagieren.

Johannes Kopf und Thomas Mayr betonten auch, dass es sich bei digitalen Fähigkeiten auch um eine bildungspolitische Frage handelt. Wir benötigen eine entsprechende Weiterbildungspolitik und Unternehmen sollen in die Lage versetzt werden, breites Wissen anzubieten und breit zu schulen.

Sprechen wir zuletzt noch über Führungskräfte: Seien wir uns ehrlich – In wie vielen Unternehmen sind die Digitalisierungsunwilligen gerade die Führungskräfte? Viel zu lange hat man geglaubt, dass man das Thema umgehen kann und „halt jemanden einstellt, der das kann“. Es wurden im Laufe der Zeit viele einzelne Maßnahmen umgesetzt und jetzt braucht man auf einmal eine digitale Gesamtstrategie und kommt nicht mehr zusammen…. Verständnis für Digitalisierung muss das gesamte Unternehmen durchdringen. Technik wurde isoliert gesehen, sie muss auch kommunikativ angereichert werden um sich den Menschen anzupassen.

Zusammengefasst wurden sie Ergebnisse in folgenden Statements:

  • Die Veränderung muss von oben ausgehen.
  • Die Technik muss sich dem Menschen anpassen.
  • Befähigen Sie die MitarbeiterInnen.
  • Seien Sie auf Menschlichkeit gefasst.

„Aktuell drucken wir Betonvasen. Bald schon Wände.“

In der Abschlussrunde kamen noch einmal einige UnternehmensvertreterInnen auf die Bühne und schilderten die aus ihrer Sicht größten Herausforderungen zum Thema Digitalisierung. Anton Rieder von Riederbau erzählte, dass die Baubranche vor großen Veränderungen steht und dass sein Unternehmen deshalb auf der Suche nach sogenannten EntdeckerInnen ist, also „Menschen, die lernen, erfahren, entwickeln, integral denken und innovative Ideen umsetzen wollen.“ Es geht bei ihnen vor allem darum, sich im bereich der digitalen Gebäudemodelle weiterzuentwickeln. Vor wenigen Wochen wurde ihnen ein Betondrucker gezeigt. Dieser druckt zwar vorerst nur Blumenvasen, aber sicher bald schon Hauswände.

Podiumsdiskussion der UnternehmensvertreterInnen
© Parlamentsdirektion / Thomas Jantzen

Die Ergebnisse der Initiative werden somit die weitere Arbeit des AMS maßgeblich beeinflussen und sollen dazu beitragen, dass Jobprofile, Ausbildung und Weiterbildung den Herausforderungen der Digitalisierung entsprechen.

Foto: Uschi Juno

Links:

Ergebnisbericht New Digital Skills

ORF Beitrag: Herausforderung Digitalisierung (TvThek)

Ö1 Beitrag: „AMS beklagt mangelndes Digital-Verständnis“

Salzburger Nachrichten: „Arbeitswelt erfordert Grundverständnis für Digitalisierung“

Die Presse: „Knigge ist gleich wichtig wie Technik“

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