Workshop 2: New Digital Skills für Produktion

Eifrige LeserInnen dieses Blogs wissen, dass wir uns gerade in der Phase der New Digital Skills Workshops befinden. Die werden nach Branchen aufgeteilt, um von UnternehmensverterInnen aus erster Hand zu erfahren, worin aus ihrer Sicht Potenziale und Schwierigkeiten der Digitalisierung liegen. Dieses Mal haben wir mit Leuten aus der Branche Produktion gesprochen.

Zur Nachlese hier die ersten Eindrücke aus dem New Digital Skills Workshop für Tourismus und Wellness. Ich denke, mit jedem neuen Workshop wird es besonders interessant zu sehen, dass die Erfahrungen und Inputs zum Thema Digitalisierung eben nicht für alle Branchen und Betriebe gleich sind und dass es wichtig ist, auf diese unterschiedlichen Bedürfnisse auch einzugehen.

Damit man sich besser vorstellen kann, worin sich eine ExpertInnengruppe der Branche Produktion zusammensetzt, hier ein paar Auszüge aus der gut besetzten TeilnehmerInnenliste: BMW Group Werk Steyr, Fronius International, Brauunion Österreich, Vivatis Holding, ENGEL Austria und einige mehr. Als sinnvolle Ergänzung war wie bei Tourismus und Wellness auch zwei VertreterInnen zum Thema Ausbildung dabei, nämlich von der FH Oberösterreich und dem Linzer Technikum, um einerseits Erkenntnisse bezüglich Ausbildungsbedarf zu gewinnen und andererseits auch Herausforderungen bei der Ausbildung im Zuge von Digitalisierung beizusteuern.

Bei den VertreterInnen der Branche Produktion hat sich eigentlich schon in der Startrunde ein Überthema gezeigt, das uns den ganzen Vormittag über begleitet hat, nämlich – Spoiler Alert – Digital Leadership. Aber dazu später mehr.

Digitalisierung = Unwort des Jahres?

Schön fand ich auch die Wortmeldung einer Teilnehmerin ganz zu Beginn in der Vorstellungsrunde, als wir kurz die Erwartungen an den Workshop formulieren sollten. Sie meinte: „Digitalisierung als Unwort des Jahres. Einfach nur weil es alle sagen und niemand mir sagen kann, was es genau heißt.“ Damit hat sie die Thematik wohl für viele Beteiligte gut zusammengefasst. Der manchmal spürbare negative Zugang kommt vielleicht nicht nur aus negativen Erfahrungen und von Ängsten, sondern daher, dass dieser komische Begriff einfach nicht zu fassen ist. Wir wissen zwar alle, was gemeint ist, aber können die Auswirkungen und Maßnahmen dafür nicht konkretisieren. Alle sagen, ja uuhh ohhh Digitalisierung ur wichtig und alles aber es ist so schwer, auf den Punkt zu bringen, was GENAU jetzt zu tun ist.

Daher sind die New Digital Skills Workshops aus meiner Sicht ein guter Ansatz, sich diesem diffuse und allgegenwärtige Thema zu nähern und einen Versuch zu starten, Kompetenzen konkret zu erfassen und zielgerichtet daran zu arbeiten, statt einem „Ja da müssen wir was machen.“

Welche Auswirkungen erleben die UnternehmensvertreterInnen in ihrem Betrieb?

Super undigital haben wir für manche Arbeitsschritte Flipcharts benutzt.

Digitalisierung Lernen

Anhand von zwei Beispielen wurde klar, dass die Vorstellung, wie Digitialisierung „gelernt“ werden kann, oft viel zu kurz greift.

Jemand erzählte, dass sie ihren AußendienstmitarbeiterInnen Tablets statt Kataloge mitgegeben haben. Eigentlich eine gute Sache, denn damit haben sie umfangreicheres Material mit dabei, sind rascher im Präsentieren von Infos, können Multimediales herzeigen zum Eindruck schinden, usw. Und eigentlich ist die neue Ausstattung jetzt auch keine große Sache, es sind ja dieselben Inhalte, nur digital und nicht mehr analog. Oder? Lange Rede, kurzer Sinn. Nicht lange nach der Umstellung hat man Umsatzeinbrüche von bis zu 30% verzeichnen müssen. MitarbeiterInnen, die 25 Jahre lang ihre Kataloge nutzten, konnten sich mit den neuen Geräten nicht anfreunden, waren unsicher, boten weniger an und verkauften auch weniger. In Gesprächen mit den MitarbeiterInnen hat sich herausgestellt, dass kleine Fehlfunktionen oder Unannehmlichkeiten als willkommener Grund gesehen wurden, die neuen Geräte abzulehnen. Geht nicht, ist abgestürzt, hat keinen Akku, ist hängen geblieben. So a Bledsinn. Ich will meinen Katalog.

Das Beispiel zeigt gut, dass Digitalisierung nicht nur darin besteht, jemandem ein fancy Gerät in die Hand zu drücken. Nur wenn diese Person das Gerät als vollwertiges Arbeitsmittel akzeptiert, können auch die Vorteile ausgespielt werden. Und das beginnt viel früher als bei der Bereitstellung der Devices. Die UnternehmensvertreterInnen sprachen von einer digitalen Kultur. Die bei der Chefin/bei dem Chef beginnt.

Anschließend merkte auch jemand ein Phänomen an, dass ich selbst auch schon oft miterlebt habe. Nämlich, dass digitale Kompetenzen schwanken, je nachdem ob man sie privat oder beruflich nutzt. Es wurde erzählt, dass MitarbeiterInnen im privaten Bereich meist recht fit und vor allem lösungsorientiert sind bei technischen Problemen. Sie tüfteln und probieren und versuchen es irgendwie wieder zum Laufen zu bringen. Beruflich ist die Lunte viel kürzer und man wirft schneller das Handtuch, wenn der Laptop mal nicht tut, wie er soll. In der Runde vermuteten wir, dass das wohl an Unsicherheiten und Ängsten liegt. Man möchte nicht vor KollegInnen zeigen, dass man der/die Einzige ist, der/die es nicht schafft, man möchte nicht offenbaren, dass man hinterher hinkt und keine Defizite zeigen, die vielleicht den Job in Gefahr bringen könnten? Man möchte die Schuld möglichst schnell beim Gerät, der IT-Abteilung oder der Personalabteilung suchen, die diese Geräte eingeführt haben. Nicht bei einem selbst. Auch hier kamen wir wieder zum Schluss: Wir müssen die digitale Kultur ändern.

E-Learning klappt nicht für alle

Das wurde auch schon beim Workshop für Tourismus und Wellness mehrfach betont. E-Learning ist eine tolle Sache und kann für bestimmte Infos gut genutzt werden. Allerdings noch lange nicht bei allen. Die ExpertInnen für Tourismus sahen die Einschränkung vor allem inhaltlich, die Gruppe für Produktion sah diese auch bei den MitarbeiterInnen. Hier gibt es einfach viele Personen, die fast nie an einem PC sitzen oder das Tablet benutzen. Und wenn dann zweimal pro Jahr ein tolles E-Learning Video kommt, das verbindlich anzuschauen ist, erhält die Personalabteilung Anrufe mit „Hallo. Ich kann mir das nicht ansehen, ich bin Schweißer, kein Programmierer.“ Diese Personen dürfen natürlich nicht außen vor bleiben. Wie können wir sicherstellen, dass alle MitarbeiterInnen gleichermaßen aktuell informiert sind? Zusätzliche Ressourcen aufbringen, um einer handvoll Personen eine Einzelschulung zu geben? Zusätzliche Ressourcen um einer handvoll Personen eine separate Ausarbeitung der Inhalte zu Verfügung zu stellen?

Digitalisierung ist ein top-down Prozess

Wie schon angekündigt, war Digital Leadership der rote Faden des Workshops für Produktion. Mehrfach weisten die VertreterInnen darauf hin, dass Digitalisierung etwas ist, das vorgelebt und mitgetragen werden muss. Es kann nicht angehen, dass digitale Veränderung von ein paar interessierten Nerds (haben die gesagt, nicht ich!) in einer Arbeitsgruppe behandelt werden und diese dann laufend versuchen, eine ablehnende Geschäftsleitung davon zu überzeugen, dass das wichtig ist.

Das fängt damit an, dass bei Produktpräsentationen vor der Belegschaft die neuen Tablets, die an die AußendienstmitarbeiterInnen ausgeteilt wurden, auch selbst genutzt werden und es hört damit auf, dass digitale Prozesse in allen sinnvollen Bereichen gefordert und gefördert werden müssen. Führungskräfte haben dabei eine wichtige Vorbildfunktion, was Vertrauen und Akzeptanz neuer Möglichkeiten angeht. Sie müssen überzeugt auftreten und eine digitale Kultur in den Betrieb bringen, die Ängste abbaut, Fehler erlaubt und Fortschritt signalisiert. Liebe ExpertInnengruppe Produktion: Danke! Aus meiner Sicht ist dieser Punkt so so wichtig und ich finde es bewundernswert, wie klar ihr das gesehen und definiert habt. Daumen hoch!

Eine Antwort zu “Workshop 2: New Digital Skills für Produktion”

  1. Tritremmel Wolfgang 10.06.2019 bei 19:19

    Gratuliere! Sehr wichtig!!!!

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