Digitale Inklusion – Reicht ein Screenreader?

(Grafik: Live-Befragung der Konferenzteilnehmenden mit Smartphone & Mentimeter zur Frage: „Was sind meine ersten drei spontanen Assiziationen zum Thema Digitale Inklusion?“)


Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt. An Herausforderungen wächst man, richtig? Daher sprechen wir heute über ein Thema, das nicht fehlen darf und gleichzeitig in dieser Blogform nicht so leicht rüberzubringen ist. Ich will nicht verkürzen oder verallgemeinern und gleichzeitig trotzdem verständlich und am Punkt sein. Versuchen wir’s: Digitale Inklusion.

Ihr wisst ja, im Mai starten die New Digital Skills Workshops, bei denen für fünf Branchen die konkreten Fähigkeiten erarbeitet werden, die wir zukünftig brauchen. Bis dahin muss hier am Blog aber einiges an Vorarbeit geleistet werden. Das heißt, wir sprechen nicht nur allgemein von der Entwicklung der Digitalisierung und werfen mit Stehsätzen und „Digitalisierung, so wichtig!“ rum, sondern wir widmen uns einzelnen Teilbereichen und versuchen, diese aufzuarbeiten. Ein „Im Zuge der Digitalisierung kommen viele Veränderungen auf uns zu“ reicht mir nicht.

Rückblick: Eine erste Auseinandersetzung gab es zur Generationenfrage. Also: Ist die junge Generation per se digital kompetent und die ältere Generation damit nicht? Wer möchte, hier geht es lang: https://newdigitalskills.at/2019/03/27/digitale-kompetenz-in-der-generationenfrage/
Spoiler: Nein.

Vorschau: In einem der nächsten Beiträge wird es um Substituierung von Arbeit durch Digitalisierung gehen. Wer mich scheitern sehen will, dieses unfassbar komplexe Thema in einen übersichtlichen Blogbeitrag zu quetschen und dabei keine Sichtweise auszulassen, macht sich schon mal eine Notiz im Kalender 🙂 Inputs, Lesetipps und Austausch sind schon jetzt herzlich willkommen.

Heute ist in diesem Sinne das Thema der digitalen Inklusion dran.
Ich bin ja eine Freundin der korrekten Definitionen, bevor man zu gscheidwaschln beginnt. Macht immer Sinn, bei „Inklusion“ war ich gleich mal falsch, denn ich habe dabei eigentlich ausschließlich an Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen gedacht. Wichtig ist aber die Erweiterung um die soziale Komponente, also um Menschen mit Benachteiligungen. Ich habe mich für diesen Beitrag an die Unterscheidung gehalten, die assistenz24 hier getroffen hat: Unterschied Beeinträchtigung – Behinderung – Benachteiligung.

Digitale Inklusion umfasst damit aktuell benachteiligte Menschen, die durch Digitalisierung weiteren Ausschluss erfahren könnten wie Personen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen, ältere Personen, Frauen, niedrigqualifizierte und bildungsfernere Schichten und benachteiligte Jugendliche.

Digitale Inklusion: Wie verändert Digitalisierung die Chancen von Menschen am Arbeitsmarkt und dadurch ihre soziale Teilhabe?

Fragen, die ich mir zu diesem Thema gestellt habe und die in diesem Beitrag behandelt werden: Verbessert oder verschlechtert Digitalisierung die Chancen von Menschen am Arbeitsmarkt? Geht es nur um die Verfügbarkeit entsprechender Technologien? Wer entwickelt diese Technologien für wen?

Letztens erst habe ich festgestellt, dass es uns immer schwerer fällt, die Deutungshoheit abzugeben und ein simples „Ich weiß es nicht!“ zu verlautbaren. Expertise wird immer weniger anerkannt und plötzlich hat jedeR einen gut gemeinten Tipp. So wie gestern beim Brand der Notre-Dame, als Menschen im Internet den Fachleuten vor Ort den hilfreichen Ratschlag erteilt haben, doch mal an Löschflugzeuge zu denken. Wie auch immer.

Sorry für den komischen Exkurs. Weil ich mich eben in das Thema eingelesen habe, aber es Leute gibt, die hier kompetenter Infos geben können, bin ich sehr froh, dass ich Judith Pühringer von arbeit plus ein paar Fragen stellen konnte. Vorab von mir nur eine kleine Einleitung und paar Aspekte in diesem umfassenden Thema, die ich spannend fand. Das Interview findet ihr am Ende des Beitrags.

Konferenz „Soziale Unternehmen und digitale Inklusion“

Am 16.11.2018 fand in Wien die Konferenz „Soziale Unternehmen und digitale Inklusion“ statt, die arbeit plus in Kooperation mit dem European Network of Social Integration Enterprises (ENSIE) veranstaltete.

Der stellvertretende AMS Wien-Chef Winfried Göschl sprach als Gast der abschließenden Podiumsdiskussion zu den Herausforderungen der Digitalen Inklusion:

„Wir versuchen im AMS Wien, beim Thema Digitalisierung inhaltlich und methodisch innovativ zu sein. Das ist nicht leicht, denn die Zugänge und Vorstellungen der Menschen und der Unternehmen zu dem Thema sind sehr unterschiedlich. Dennoch ist uns wichtig, verbreitbare Curricula zu entwickeln, um für unsere Kundinnen und Kunden auch geeignete Schulungen anbieten zu können.“

Nachlese: Gastbeitrag „Digitale Inklusion muss integrales Ziel der Sozialwirtschaft sein“ (Seite 14)

Wie bei so vielen Digitialisierungsthemen ist es aus meiner Sicht wichtig, einen ausbalancierten Zugang zwischen „Hilfe! Angst! Alles schlecht!“ und „Alles super! Probleme, wo?“ zu finden. Winfried Göschl wünscht sich vor allem bei digitaler Inklusion einen positiven und konstruktiven Zugang:

Mag. Winfried Göschl, Landesgeschäftsführung AMS Wien, zum Thema #diginclusion

Ich stimme ihm zu. Einfach auch deswegen, weil ich in einer optimistischen Herangehensweise mehr Möglichkeiten für Verbesserung sehe. Zuerst einmal muss ich es wollen. Dann schaue ich es mir mit einer realistischen Erwartungshaltung an. Und dann arbeite ich an den Herausforderungen. (Wer eine knackige Twitter Bio sucht, bedient euch.) In meinem zweiten Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, dass Ängste und Zweifel ernst genommen werden müssen, man sich aber nicht davon lähmen lassen sollte.

Gerade bei digitaler Inklusion finde ich es wichtig, mit einer offenen und gleichzeitig vorsichtigen Haltung an die Sache herranzugehen. Digitalisierung ist, wie viele neue Entwicklungen, nie nur gut oder nur schlecht.

Das AMS hat bereits 2016 digitale Inklusion als Maßnahme für eine aktive Arbeitsmarktpolitik definiert.

Digitale Exklusion?

Für benachteiligte Menschen kann Digitalisierung einerseits Barrieren abbauen, indem zum Beispiel Arbeit ortsunabhängig erledigt werden kann, aber andererseits auch zusätzliche Exklusion bedeuten, da Anforderungen und Zeitdruck der Tätigkeiten steigen. Es gibt zurecht die Befürchtung, dass aktuell benachteiligte Personen dadurch noch stärker ausgegrenzt werden könnten. In Branchen, die von Automatisierung betroffen sind, geht man von erhöhtem Exklusionsrisiko für Menschen mit geringerer Qualifikation aus. Einfache Tätigkeiten werden abgebaut oder verlagert.

Der Einsatz von assistierenden Tools

Den beiden oben genannten steht aber noch ein dritten Effekt der Digitalisierung des Arbeitsmarkts gegenüber, der speziell Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen betrifft, nämlich den Ausgleich dieser und die Individualisierung an spezielle Bedürfnisse durch neue technische Möglichkeiten wie Screenreader, Sprachcomputer, PCs mit Augensteuerung, usw. Obwohl es bei digitaler Inklusion um so viel mehr geht, zeigt das Beispiel der assistierenden Tools anschaulich, warum Digitalisierung als Allheilmittel oft zu kurz gedacht und einseitig bewertet wird. Daher auch der, zugegeben vereinfachte, Titel, aber irgendwie muss ich euch ja dazu bringen, mal auf den Beitrag zu klicken.

Der Einsatz dieser ausgleichenden Tools wird von ExpertInnen durchaus kritisch bewertet und diese Einschätzung teile ich. Da geht es sehr oft um zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten. Das bringt Vorteile für hochqualifizierte Personen mit körperlicher Einschränkung. Neue Arbeitsformen wie Home Office oder Crowdworking können also ausgleichend wirken, allerdings nur für Personen mit hoher Qualifikation, die komplexe und sich rasch verändernde Anforderungen bewältigen können. Am Ende des Tages muss dann eine Benachteiligung durch eine überdurchschnittlich hohe Qualifizierung kompensiert werden. Manchmal wirkt das wie eine bequeme Strategie im Sinne von „Wir haben doch eh so einen Screenreader!“.

Assistive Technologien sind ein guter Anfang, aber für Chancengleichheit braucht es mehr, wie zum Beispiel Erläuterungen in einfacher Sprache, Verminderung von Zeitdruck, barrierefrei entwickelte Software mit Schnittstellen zu assistiven Technologien für rasche Adaptionen und einfache Tätigkeiten als Beschäftigungsmöglichkeit bestehen zu lassen.

Ein inklusiver Arbeitsmarkt: Wer entwickelt für wen?

Es ist nach wie vor so, dass digital angepasste Angebot für benachteiligte Personen entwickelt werden, aber nicht mit ihnen. Das bedeutet, dass abweichende Lebensrealitäten nicht umfassend genug berücksichtigt werden. Das Einbeziehen von langzeitarbeitslosen und benachteiligten Menschen in die Entwicklung „ihrer“ Tools ist daher besonders wichtig, wenn man ihre Bedürfnisse optimal erfüllen will.

Manuela Vollmann, Geschäftsführerin ABZ*AUSTRIA und Vorsitzende von arbeit plus, erklärt das in folgendem Statement noch einmal recht gut:

Interview mit Judith Pühringer

Das Thema digitale Inklusion stand schon grob am Plan, als wir mit dem Blog hier gestartet sind. Zusätzlich hat sich Judith Pühringer dankenswerterweise auf Twitter gemeldet mit dem Input, dass es dazu gerade ein passendes FFG Projekt gibt. Judith Pühringer ist Betriebswirtin und Expertin in den Bereichen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik und seit 2004 Geschäftsführerin von arbeit plus.

Ich habe die Möglichkeit genutzt, ihr ein paar Fragen zu stellen.

Kannst du uns kurz beschreiben, worum es bei dem Innovationsprojekt #diginclusion von arbeit plus geht?

Beim #diginclusion Projekt geht es darum Digitalisierungsprozesse zur Förderung der Teilhabe jener Menschen zu nutzen, die in Sozialen Unternehmen qualifiziert, beraten und beschäftigt werden. Unser Ziel ist es, durch neue bzw. digital angepasste Angebote, die für und gemeinsam mit langzeitarbeitslosen Menschen entwickelt werden, die Chancen dieser Frauen und Männer am Arbeitsmarkt zu stärken, sowie ihre soziale Teilhabe zu erhöhen. Nach einer großen Auftaktkonferenz im November 2018, führen wir aktuell eine Workshopreihe durch um gemeinsam mit Sozialen Unternehmen und Nutzer*innen diese Angebote zu entwickeln.

In vielen Berichten und Studien liest man die Befürchtung, dass sich die Chancen für Menschen mit Beeinträchtigungen am Arbeitsmarkt im Zuge der Digitalisierung verschlechtern könnten. Wie siehst du das?

Die Befürchtungen teile ich. Bei der Gestaltung vieler digitaler Prozesse und automatisierter Entscheidungsfindungen (Algorithmen, künstliche Intelligenz) wird noch viel zu wenig bedacht, wie sie auf benachteiligte Menschen wirken. So weitermachen, wie bisher können wir nicht, denn der Strukturwandel am Arbeitsmarkt wird vor allem jene Frauen und Männer treffen, die es schon jetzt sehr schwer haben. Digitalisierung in der Arbeitswelt ist aber keine Naturkatastrophe, sie bricht nicht plötzlich auf uns herab, sondern muss aktiv gestaltet werden. Digitalisierung kann also auch ein Hilfsmittel sein um Beschäftigung und Beratung sowie Abläufe und Prozesse in Unternehmen inklusiver zu gestalten. Da ist eine aktive Entscheidung, die getroffen und von Anfang an mitbedacht werden muss.

Was braucht es aus deiner Sicht, damit digitale Inklusion gelingen kann?

Wir sagen in unserem Projekt ganz klar, dass digitale Inklusion nur gelingt, wenn sie partizipativ gestaltet ist und die Bedürfnisse und die Anliegen jener Menschen in den Mittelpunkt stellt, die aktuell benachteiligt sind. Die Nutzer*innen müssen aktiv in die Entwicklung angepasster Abläufe und Angebote eingebunden sein. Deshalb führen wir in unserem Innovationsprojekt dutzende Gespräche mit Nutzer*innen in Sozialen Unternehmen durch, um von ihrem Alltag, und ihrer Lebens- und Arbeitsrealität zu lernen. Wo sind die konkreten Schnittstellen, wo wir ansetzen können? Welche neuen Skills und didaktischen Formate braucht es? Welche angepassten Einsatzbereiche ergeben sich daraus? Was ändert sich dadurch für unsere Arbeit in der Praxis?

Reicht es, assistive Technologien wie Screen Reader zur Verfügung zu stellen?

Nein, das ist zu kurz gedacht. Digitale Inklusion spielt sich auf vier Ebenen ab. Erstens die technische Infrastruktur, die muss vorhanden und zugänglich sein (Internet, Smartphones, Tablets etc). Zweitens geht es um den verstärkten Einsatz assistierender Technologien, wie eben ein Screen Reader. Der dritte Aspekt ist der Aufbau von Kompetenzen, und damit sind nicht nur digitale Skills im engsten Sinne, wie Programmierkenntnisse, gemeint. Hier geht es auch um die passive Anwendung von digitalen Tools, dem Verständnis für diese Prozesse, dem Bewerten von Informationen und der Ableitung von Entscheidungen. Und viertens geht es um die Stärkung sozialer Teilhabe und den analogen Handlungsspielraum von Menschen, der durch digitale Abläufe verbessert, oder eben auch weiter verloren gehen kann.

Welches Unternehmen aus Österreich würdest du als Best Practice Beispiel für digitale Inklusion nennen?

Digitale Inklusion greift auf verschiedenen Ebenen. Deshalb ist die Bandbreite der Best Practice Beispiele auch sehr groß. Im Bereich der assistierenden Technologien und der sozialen Teilhabe durch digitale Hilfsmittel, ist atempo sicherlich ein Pionier. Mit Ava Assistenz haben sie erst kürzlich eine neue Plattform entwickelt.
Mir gefallen aber auch viele vermeintlich „kleine“ Lösungen, wie etwa das Videodolmetschtool im neunerhaus Gesundheitszentrum oder das Projekt des ÖIAT, wo auch einige unserer Sozialen Unternehmen (zB. 4everyoung in Kärnten) dabei sind, mit dem Schwerpunkt auf digitale Bildung und Teilhabe von Senior*innen. Spannend ist auch das Konzept der New Austrian Coding School, die geflüchtete und langzeitarbeitslose Menschen in 9-monatigen Kursen als Softwareentwickler ausbilden. Und weil digitale Inklusion immer auch einen Gleichstellungsfokus haben muss, gehört hier auch die Roadmap*Neues Arbeiten von ABZ*AUSTRIA dazu. Das Tool unterstützt Unternehmen beim Auszeiten- und Karenzmanagement.

Alle Infos zu #diginclusion findet ihr unter
http://diginclusion.at.

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