Digitale Kompetenz in der Generationenfrage

Wenn wir über Digitalisierung sprechen, kommt sehr schnell auch die Generationenfrage auf, also: Besteht der Bedarf nach digitaler Weiterbildung nur bei der älteren Generation, weil die Jungen ohnehin damit aufwachsen? Nachdem das WWW am 12. März seinen 30. Geburtstag feierte, passt das Thema doch gut. Stichworte: Digital Natives, Generation Y, Digitalisierung in der Aus- und Weiterbildung.

Eine nette Nachlese des Hashtags #Web30 auf Twitter: https://twitter.com/hashtag/Web30?src=hash

Im März 1989 äußerte Sir Tim Berners-Lee am CERN seine Idee des WWW um Informationsaustausch möglich zu machen. Heute sind rund
4,021 Milliarden Menschen online. Happy Birthday, World Wide Web! PS: Das Internet und das WWW ist nicht dasselbe. Das Internet ist ein weltweites Netz vieler einzelner Computernetzwerke. Dieses Netzwerk besteht aus zahlreichen Diensten wie E-Mail, Chat, Dateiübertragung usw. und einer der bekanntesten Dienste ist das World Wide Web (WWW) für die Übertragung von Websites. Das WWW ist also ein Teil des Internets.

Da ich also so alt bin wie das WWW selbst, möchte ich dieses schöne Jubiläum zum Anlass nehmen, um mich im heutigen Beitrag der Generationenfrage zu nähern, wenn wir über digitale Kompetenz sprechen. Ich fasse das Thema damit etwas weiter, denn wir sprechen über mehr, als „nur“ über das WWW.

Was ist digitale Kompetenz?

Genau. Fangen wir mit einer scheinbar banalen Frage an, um eine gemeinsame Wissensbasis zu schaffen.

Digitale Kompetenz besteht im sicheren und kritischen Umgang mit den gesamten digitalen Technologien, die für die Information, Kommunikation und die Problemlösungsstrategien in allen Lebensbereichen genutzt werden.

https://www.schooleducationgateway.eu/de/pub/resources/tutorials/digital-competence-the-vital-.htm

Das ist eine ziemlich breite Definition und wirkt fast wie „also eh alles“. Genau deshalb ist sie auch so wichtig, denn dieser vielzitierte Begriff wird oft nicht umfassend genug gedacht. Digitale Kompetenz heißt eben nicht nur, den Schichtplan via WhatsApp zu schicken, eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen, ein Dokument auszudrucken oder ein Webinar zu veranstalten. Es heißt das alles und noch einiges mehr.

Deshalb wird es auch nicht zielführend sein, die digitale Kompetenz für alle zu wollen, sondern zu schauen, welche Personengruppen welche Tätigkeiten bereits oder zukünftig durchführen und sie anhand eines Bedarfsprofils auszubilden. Ja, es gibt eine digitale Grundkompetenz aber auch einiges an fachspezifischen Kenntnissen, die nicht gleichermaßen von allen Personen beherrscht werden müssen. Realistischerweise können und sollen nicht alle Personen eine digitale Kompetenz erlangen, die der oben genannten Definition entspricht.

Aber noch einmal kurz zurück zur Generationenfrage, denn die Pauschalierung betrifft oft nicht nur das Kompetenzfeld, sondern eben auch das Alter.

Digital Natives & Digital Immigrants

Wer sind also die „Digital Natives“? Umgangssprachlich all jene Menschen, die mit digitalen Angeboten aufgewachsen sind. Im Unterschied dazu gibt es auch die „Digital Immigrants“, die erst im Erwachsenenalter mit vielen digitalen Anwendungen in Berührung kamen.

John Perry Barlow beschrieb dieses Gefälle erstmals 1996 in seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspaces:

„You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants.“

https://www.eff.org/de/cyberspace-independence

Marc Prensky schreib dann 2001 erstmals über Digital Natives.

(Prensky, Marc (2001): Digital Natives, Digital Immigrants. In: On the Horizon, 9 (5), 1–6.)

Man hat auch versucht, die Digital Natives enger einzugrenzen, etwa mit allen Menschen, die nach 1980 geboren wurden.

(John Palfrey, Urs Gasser (2008): Born Digital: Understanding the First Generation of Digital Natives, Basic Books)

Damit sind die Digital Natives wohl älter, als oft angenommen oder? Und es zeigt gut, wie schnell wir in eine Pauschalierung verfallen in Richtung „Die können das!“ und „Die können das nicht!“, die sich teilweise nur um das Alter oder um eine bestimmte Generation dreht. Aus meiner Sicht ist digitale Kompetenz keine Frage des Alters.

Mein Vater hat immer gesagt: Alt sein ist kein Verdienst.

Ich möchte hinzufügen: Jung sein aber auch nicht.

Tatsache ist, dass uns der Erwerb neuer Fähigkeiten im Erwachsenenalter schwerer fällt, als würden wir bestimmte Möglichkeiten von Beginn an wie selbstverständlich miterleben und mitlernen. Der größere Bedarf an digitaler Weiterbildung bei bestimmten Personengruppen wurde bereits mehrfach festgestellt:

Die fehlende oder geringe digitale Kompetenz beeinträchtigt in einer digitalen Gesellschaft die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen und somit auch ihrer Lebensperspektiven, vor allem jener die schon bisher zu den benachteiligten Gruppen zählten.

http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/ACDC%2019_02_15.pdf

„Etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Europa können momentan nicht mit dem digitalen Wandel Schritt halten, darunter viele ältere Menschen, schlecht ausgebildete jüngere oder Migrantinnen und Migranten.“

https://ec.europa.eu/epale/de/blog/digitale-kompetenzen-erfassen-und-dokumentieren-der-europaeische-referenzrahmen-ist-mehr-als

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen dürfen wir es uns nicht so einfach machen und diese Unterscheidung nicht darüber bestimmen lassen, wer grundsätzlich digital kompetent sein kann und wer nicht. Nur, weil die jüngere Generation mit digitalen Medien aufwächst, heißt das nicht automatisch, dass sie im Umgang mit diesen immer kompetenter sind. Gleichzeitig heißt es ebenso nicht, dass die ältere Generation grundsätzlich weniger digital kompetent sein kann. Wenn wir diese Kategorisierung aufbrechen, können wir realitätsnah an den Bedürfnissen und Ausbildungsangeboten arbeiten.

Die Altersfrage grenzt außerdem viele weitere wichtige Faktoren wie zum Beispiel den Bildungsgrad aus:

http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/2018_WIAB_Digitale%20Kompetenzen_ams-studie.pdf

Ausschlaggebend sind Nutzungsmotive

Wie kommen wir überhaupt zu der Annahme, dass die junge Generation grundsätzlich digital kompetenter ist?

„Sie wachsen damit auf und erlernen es intuitiv“ hört man oft. Stimmt auch. Meiner 4-Jährigen Nichte hat niemand gezeigt, wie man ein Tablet benutzt, dennoch kann sie es. Durch Probieren mit niedriger Hemmschwelle lässt sich vieles erlernen, doch das ist nur ein Teil einer digitalen Grundkompetenz. Kritische Auseinandersetzung, technologisches Hintergrundwissen und komplexe Anwendungen müssen darüber hinaus vermittelt werden.

Zum Beispiel: Cloud-Dienste zu nutzen, ist einfach. Aber es gehört auch dazu, Hintergründe zu begreifen und eine Antwort zu wissen auf „Wem gehören die Daten? Wie sicher sind sie? Was sollte ich nicht in der Cloud speichern?“

Dazu eine spannende Nachlese mit Bildungsexperte Martin Bauer zu Schule 4.0.

Viel am Handy spielen ist übrigens noch kein Indikator dafür, wie digital kompetent man ist. Diese scheinbare Allgegenwärtigkeit von Devices lässt manchmal den Eindruck entstehen, dass sie sich auch mit allen verfügbaren Inhalten auseinandersetzen. Ihr Nutzungsmotiv ist die private, direkte Kommunikation mit Personen, die sie kennen. Chatten, Posten, Kommentieren.

Es geht mir hierbei übrigens überhaupt nicht darum, die Nutzung von jüngeren AnwenderInnen schlecht zu reden oder lächerlich zu machen: Ich möchte nur betonen, dass wir mehr auf Nutzungsmotive achten sollten, als auf Onlinezeiten, wenn wir digitale Kompetenzen bewerten.

In der aktuellen ARD/ZDF Onlinestudie von Dezember 2018 wird deutlich, dass die Individualkommunikation über Chats, Mail und Messenger bei den 14-29jährigen einen hohen Stellenwert hat.


Die Jugend-Information-Medien-Studie 2018 hat abgefragt, welche Internetangebote bei den 12-19jährigen am beliebtesten sind, es waren:

Das Problem bei diesen Studien sehe ich teilweise darin, dass es sich meistens um Befragungen handelt, die Jugendliche also selbst Angaben über ihr Nutzungsverhalten machen und dabei eine gewisse soziale Erwünschtheit in der Beantwortung zu erwarten ist.

Das ist mir auch in der Studie der Bundes-Jugend-Vertretung aufgefallen, als die Jugendlichen ihre digitalen Fähigkeiten vorwiegend als sehr hoch einschätzten.

Ich leite seit drei Jahren Kurse an der FH Wien der WKW und betreue Lehrlingsworkshop und da kommt mir die oben zitierte Selbsteinschätzung doch recht optimistisch vor. Allerdings kann ich mir gut erklären, woher diese kommt, da die Frage nach „Wer kennt sich am PC aus?“ für die Jugendlichen ihren gewohnten Umgang mit Mail, Chats, Social Media und Musikstreaming und nicht „Wer kann ein PDF erstellen?“ bedeutet.

Große Defizite sehe ich etwa bei anwendungsbezogenem Wissen im Office-Bereich, bei Datenschutz und Datensicherheit und vor allem bei quellenkritischer Auseinandersetzung mit Informationen aus dem WWW. Wenn wir also über Vermittlung von digitalen Fähigkeiten sprechen, dürfen wir die sogenannten Digital Natives nicht einfach außen vor lassen und hoffen, dass sie es schon irgendwie packen werden, weil sie eh den ganzen Tag das Handy in der Hand haben. Gleichzeitig sollten wir der älteren Generation diese Kompetenzen nicht komplett absprechen.

Aus- und Weiterbildungsbedarf ist von so vielen Faktoren abhängig, da genügt mir ein bloßes „Facebook macht bei uns die Praktikantin, die kann das sicher!“ nicht.

Und: „Er ist 55. Deshalb kennt er sich nicht aus“ auch nicht.

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