Der Faktor Mensch in einer digitalisierten Arbeitswelt

Kann ich das? Schaffe ich das? Sind die Anderen alle besser? Heute will ich mich einem Thema widmen, das aus meiner Sicht nicht stark genug berücksichtigt wird, wenn es um die allumfassende Entwicklung von Digitalisierung, vor allem im Arbeitsbereich, geht. Nämlich Ängste, Unsicherheiten, Zweifel und daraus resultierende Abwehrhaltungen. Lasst uns darüber sprechen, woher sie kommen, wie wir damit umgehen sollen und wie wir bestmöglich Hilfestellung geben können.

Einen wichtigen Input zu diesem Thema gab Bettina Huber, AMS-Mitarbeiterin, die unter meinem letzten Blogbeitrag folgenden Kommentar hinterlassen hat:

Wichtig finde ich, den Menschen die „Angst“ zu nehmen (Arbeitsplatzverlust, Versagen…), gibt man ihnen die Chance, die Möglichkeiten zu erkennen und zu verstehen, entstehen innovative Ideen, die wir so dringend brauchen. Gerade die älteren, nicht digital natives, müssen die Möglichkeit haben, ihr Erfahrungswissen zu teilen und dazu alle Vorteile des Web 2.0. bis zu Web 4.0. zu nutzen. Ich habe viele Menschen (45+) z.B. auf #fhburgenland kennengelernt, die twittern, insta, bloggen, Podcasts usw verwenden/machen und so gemeinsam mit den „jungen“ wirklich Neues entsteht.

Bettina Huber spricht einen wichtigen Aspekt an, nämlich das Gemeinsame, das Aktive, das Dynamische. Mit einer offenen, einladenden Haltung entsteht ein Klima, in dem jedes Mitglied die eigenen Stärken einbringen kann. Schwarmintelligenz nannte das Tim O’Reilly, als er vor rund 15 Jahren das Web 2.0 definierte.

Wenn wir also über Ängste sprechen, sprechen wir über Generationen. Aber nicht ausschließlich. Es geht um unterschiedliche Rahmenbedingungen, die eine Lücke in der digitalen Kompetenz verursachen können. Hinter diesen Ängsten stecken mehrere Themen, die ich im Laufe der kommenden Monate hier am Blog aufarbeiten möchte. Es wird um die Generationenfrage gehen, um Digitalisierung in der Ausbildung, Substituierung von Arbeit, digitale Inklusion und vieles mehr.

„Die perfekte Technologie kann scheitern, wenn sie nicht vom Menschen angenommen wird.“

Ich bin also der Meinung, dass eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber neuen Technologien nicht zwingend etwas mit Ignoranz oder dem Unwillen, Neues zu lernen, zu tun zu haben muss und finde es deshalb gut, dass man sich bei der Frage nach digitalen Kompetenzen in der Arbeitswelt nicht nur um spezifische, technische Fähigkeiten kümmert, sondern der Mensch mit sozialen Kommunikationsfähigkeiten, Einfühlungsvermögen und Reflexionsfähigkeit in den Mittelpunkt gerückt wird.

Clemens Zierler ist Geschäftsführer des Institutes für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik (IAA) an der Johannes Kepler Universität Linz und hat im Rahmen eines New Skills Interviews dazu Folgendes angemerkt:

„Die perfekte Technologie kann scheitern, wenn sie nicht vom Menschen angenommen wird, etwa weil sie nicht auf die menschlichen Bedürfnisse abgestimmt ist. Bei allem Fortschritt der Automatisierung, von der praktisch alle Tätigkeitsfelder betroffen sind oder zukünftig noch sein werden, werden Menschen bei vielen bisherigen und neuen Aufgaben weiterhin gebraucht.“

Das komplette Interview mit Clemens Zierler könnt ihr hier nachlesen.

Für Ursula Tavolato-Kuntner von der Erste Group ist Programmieren wie Schreiben:

Die Zukunft der digitalen Geschäftswelt wird aber viel zu technisch gesehen und viel zu wenig inhaltlich. Das Programmieren ist eine vergleichbare Technik – wie einst die Schrift, als sie eingeführt wurde. Damals hat man auch Menschen gebraucht, die schreiben können. Da es nur wenige gab, ging man für einen Brief zum Schreiber, heute geht man zum Programmierer, wenn etwas programmiert werden soll. Und übermorgen wird man das Programmieren – so wie damals das Schreiben – in sich selbst aufnehmen und selbstverständlich beherrschen.

Komplettes Interview von Ursula Tavolato-Kuntner & Markus Posch hier nachlesen.

Sind wir unbeteiligte BeifahrerInnen im Prozess der Digitalisierung?

Oft wird Digitalisierung als etwas beschrieben, das rasend schnell voranschreitet und uns ahnungslos und hysterisch zurücklässt. Wir versuchen ständig, ein Zukunftsbild zu entwickeln und rennen einer Entwicklung hinterher.

Im Rahmen der New Skills Gespräche wurde ein bedeutender Aspekt genannt, nämlich die Fähigkeit, dass wir alle selbst die Arbeitsbedingungen der Zukunft mitbestimmen können. Der Faktor Mensch hat das Wissen und die Erfahrung zu entscheiden, welche Entwicklungen für die eigenen Ziele sinnvoll sind und welche nicht.

„Die Frage, und die betrifft vor allem die Unternehmens- und Arbeitgeberseite, lautet also nicht: Was kommt auf uns zu? Sie lautet eher: Wohin wollen wir uns entwickeln, und welche Arbeitswelt wollen wir künftig haben?“

Clemens Zierler

Welche technologischen Neuerungen wir nutzen und in der Zukunft nutzen werden, ist gar nicht so wichtig. Entscheidender ist, wie wir die Technologien nutzen und was das mit uns macht.

Markus Posch

Um mit komplexen, kreativen und flexiblen Lösungen aufwarten zu können, müssen wir Digitalisierung also verstehen und integrieren können. Der Faktor Mensch kann Weiterentwicklung von neuen Technologien aktiv vorantreiben und selbst steuern, an welcher Stelle sie erfolgversprechend eingesetzt werden sollen. Nein, wir sind keine passiven Teile dieses Prozesses.

Die Laptopklasse.

Abschließend ein Beispiel aus meiner Schulzeit. Ich habe damals an einem sogenannten Schulversuch teilgenommen, der vielversprechenden Laptopklasse. Als ich das gehört habe, fingen meine Augen an zu leuchten und ich dachte nur: „Mah! Den ganzen Tag Sims spielen! <3!“ Ob ich meine Sims Familie während des Unterrichts weiterbrachte oder nicht, hing zu 100% von unserer Lehrkraft ab und ob diese sich der digitalen Realität der SchülerInnen widmen wollte.

Für einige Lehrkräfte war das damals noch zu viel des Guten und meine Familie entwickelte sich prächtig. Wir hatten aber auch LehrerInnen, die den Laptop nicht nur schlau in den Unterricht integrierten, sondern auch uns SchülerInnen überlegen waren. Der Mathelehrer zum Beispiel kannte meine simplen Tricks um während des Unterrichts scheinbar unbemerkt zu zocken… Lange Geschichte, kurzer Sinn: Einmal sprang meine Sims-Mutter in den Grille und ich konnte sie nicht mehr aufhalten. Alle Familienmitglieder sprangen vor Trauer hinterher. Die Mathematura habe ich aber geschafft. Und das, obwohl ich so gut wie keine Formeln je auswendig gelernt hatte. Der Mathelehrer sagte immer zu uns: „Ihr habt Computer. Ihr müsst die Formeln nicht kennen. Ihr müsst nur wissen, wo ihr sie findet.“

Fazit

Um an meine eingangs gestellte Frage anzuknüpfen, wie wir mit Ängsten und Abwehrhaltungen umgehen sollen: Wir schaffen eine gemeinsame Basis. In den bisher geführten New Skills Gesprächen kam das sehr gut heraus, denn da geht es vielmehr um Verständnis und das Klären von falschen Erwartungshaltungen, als um „Verwendet ab morgen Programm XY“. Vermittlung von digitalen Kompetenzen kann nur gelingen, wenn wir uns einig sind, dass wir es zumindest versuchen wollen. Ergebnisoffen.

An dieser Stelle ein Aufruf: Dieser Blog ist als Einladung und Dialogplattform gedacht. Ich würde mich freuen, von euren Erfahrungen, Erkenntnissen, Ideen und Inputs zu lesen. Der Kommentarbereich steht euch dafür zur Verfügung.

New Digital Skills Initiative: Next steps

Wie geht es mit der Initiative in den nächsten Monaten weiter?

Ab Mitte April wird es für fünf verschiedene Branchen österreichweit die New Skills Workshops geben. Dafür werden gerade die Unternehmen angeschrieben und Termine gesucht. Die fünf Branchen sind:

  • Tourismus & Wellness
  • Produktion
  • Handel
  • Bau
  • Büro & Verwaltung

Ich werde bei je einem Workshop zu einer Branche dabei sein und hier am Blog über die Erkenntnisse berichten.

3 Antworten auf “Der Faktor Mensch in einer digitalisierten Arbeitswelt”

  1. Thomas Appl 13.03.2019 bei 13:27

    Bin schon gespannt auf die nächsten Beiträge. Vielleicht werde ich ja auch noch ein „Digital Native“ – zumindest bei meinen Digital Skills … 😉

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  2. Gut zu lesende Blog-Beiträge! Danke für Differenzierung und Optimismus.

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  3. Anita Steidl 20.11.2019 bei 10:31

    Spannender Blog – schade, dass er zu wenig public ist. Nur durch Zufall bin ich darauf gestoßen, obwohl ich lange im Bereich Berufsorientierung tätig bin. Und bin schon sehr neugierig, was ich noch von Ihnen lese und lernen werde

    Antworten

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