NOCH eine Digitalinitiative?

Am 12.02. habe ich etwas gemacht, was ich eigentlich sehr selten tue: Ich war auf einer Pressekonferenz.

Ich würde es nie über mich selbst sagen, aber ich bin wohl gemeinhin das, was man eine „Onlinerin“, eine „Digital Native“ nennt. Manchmal auch „die Uschi aus dem Internet“.

Stimmt schon. Ich arbeite im und mit dem Internet, war schon auf vier Hochzeiten von Menschen, die sich auf Twitter kennen gelernt haben und verbringe auch sonst gerne meine Zeit online. Warum war ich dann auf einer PK?

Weil ich das, was mir so einfällt, auch mal in Form von Blogbeiträgen verarbeite. Und weil mich Johannes Kopf, ihr wisst schon, Vorstandsmitglied vom AMS und der Mensch, der uns bei allen „Social Media Best Practice“-Vorträgen einfällt als österreichisches Beispiel für einen gut gemachten Vorstands-Twitteraccount (https://twitter.com/JohannesKopf) gefragt hat, ob ich die AMS New (Digital) Skills Initiative blogbeitragstechnisch begleiten möchte.

Ich erst so: „NOCH eine Digitalinitiative?“

Sagen wir, wie es ist: Als sogenannte Onlinerin ist man ja schnell in einer Bubble gefangen und unterliegt dem Fehlschluss, dass „eh schon alle voll digital“ unterwegs sind.

Bei vielen meiner Workshops mit Lehrlingen, Studierenden und MitarbeiterInnen aus unterschiedlichen Branchen sehe ich, dass wir in diesem Bereich noch viel zu tun haben. Klar, mal ein Facebook Profil anlegen oder mit dem Smartphone die Urlaubsbilder schießen geht noch, aber wir sprechen vom sicheren Umgang mit digitalen Anwendungen im beruflichen Kontext, der adaptierbar und souverän bei Abweichungen und Problemen ist.

©Sergey Nivens – stock.adobe.com

Ich bin fest davon überzeugt, dass grundlegende, digitale Kompetenzen bei weitem keine Selbstverständlichkeit sind, sondern an eine breite Gruppe von Menschen mit Sorgfalt und Geduld vermittelt werden müssen, damit diese am Arbeitsmarkt zukünftig bestehen können.

Zwei Aspekte, die ich dabei besonders wichtig finde:

Es ist keine Frage des Alters.

Jung = digital kompetent = grobe Fehleinschätzung.

Ja, junge Menschen tun sich leichter damit, neue Fähigkeiten zu erwerben und besitzen eine geringere Hemmschwelle im Umgang mit Neuem. Ohne fundierte Ausbildung fehlt ihnen aber das Wissen, diese Lernfähigkeit für eine professionelle Anwendung von digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Kurz gesagt: Nur weil jemand eine WhatsApp Sprachnachricht aufnehmen kann, heißt das nicht, dass er/sie auch den komplexen Anforderungen digitaler Medien im Berufsumfeld gewachsen ist.

Es gibt nicht die eine digitale Kompetenz.

Während der Pressekonferenz kam diese eine Frage, die vermutlich vielen auf der Seele brennt: Wie sieht das denn aus mit Berufen, die eigentlich wenig bis nichts Digitales an sich haben? Welche Kompetenzen will das AMS hier konkret ausbauen?

Da Qualifikationsanforderungen ohnehin nur sehr kurzfristig ermittelt werden können, geht es nicht um einzelne, spezifische Wissensbrocken, die eventuell übermorgen schon nicht mehr gültig sind, sondern es geht um eine offene Haltung. Es geht um ein generelle Einstellung, die Digitalisierung erkennt, versteht und nutzen möchte. In dem Moment, wo ein Grundverständnis eines digitalen Einsatzgebietes vorhanden ist, fällt es wesentlich einfacher, veränderte und neue Anforderungen zu bewältigen. Zum Beispiel Lagerlogistiksoftware für LageristInnen oder Bestellsoftware für BäckerInnen.

Hat ein/e Rezeptionist/in verstanden, wie die Dynamiken hinter einer Hotelbewertungsplattform funktionieren und kann diese souverän betreuen, macht es keinen Unterschied mehr, ob die Plattform X, Y oder Z heißt.

Darüber hinaus gibt es digitale Fähigkeiten, die so gut wie branchenunabhängig sind. Dazu zählen zum Beispiel die Beschaffung, Überprüfung und Aufbereitung von Information im Netz oder Grundkenntnisse über Datenschutz.

Etwas meta, aber doch spannend in diesem Zusammenhang: Bedeuten veränderte Berufsbilder, dass es zukünftig nur noch darum geht, bestimmte Maschinen und Computer zu bedienen? In den ersten New Skills Gesprächen (siehe unten) kam man zu dem Ergebnis, das sich ebenso wie Berufsbilder auch Ansprüche von KonsumentInnen verändern. Um bei dem Beispiel des/der Rezeptionisten/in zu bleiben: Neben der Möglichkeit, online buchen zu können, wünschen sich die KonsumentInnen vermehrt individuelle Betreuung bei Fragen und dass auf spezielle Bedürfnisse flexibel eingegangen wird. Das heißt, der Ausbau von digitalen Möglichkeiten führt nicht gleichzeitig zum Abbau von persönlichen Kompetenzen, sondern kann diese sogar stärken.

Kommt das AMS da erst jetzt drauf?

Bevor ich zusagen konnte, wollte ich aber vorab etwas mehr wissen. Was sind die Hintergründe dieser Initiative? Welche Vorarbeiten gibt es? Wie ist der Zugang? Wie soll der Prozess ablaufen? Und wenn ich ehrlich sein sollte, wollte ich vor allem eines wissen: Ist dem AMS im Jahr 2019 eingefallen, etwas zu digitalen Kompetenzen machen zu wollen?

Eine Nachlese im AMS Forschungsnetzwerk lohnt sich sehr. Hier gelangt man am raschesten und direkt zu den New Skills Berichten und Interviews.

Hier die kurzen Fakten:

Von 2009 bis 2013 wurden vom AMS in Kooperation mit Branchenfachleuten gemeinsam mit Weiterbildungseinrichtungen und Sozialpartnerorganisationen in mehreren Workshop-Reihen die Veränderungen in Betrieben und damit die entstehenden Qualifikationsbedarfe identifiziert. (Bericht: http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/AMS_report_105.pdf)

Anmerkung: Damals nannte man es noch eSkills. Meinte dasselbe wie digitale Kompetenzen, klang nur noch recht offline.

2017 begannen die New Skills Gespräche, also Interviews, die mit ExpertInnen von Unternehmen, Ministerien, Aus- und Weiterbildungs- bzw. Forschungseinrichtungen durchgeführt werden.

2018 & 2019: Follow-up der News Skills Gespräche. Die Interviews findet ihr im AMS-Forschungsnetzwerk unter www.ams.at/newskills.

Aufmerksame LeserInnen haben bestimmt bemerkt, dass im Rahmen der New Skills Initiative eine Reihe von neuen Anforderungen definiert wurden, die an ArbeitnehmerInnen gestellt werden, nämlich:

  • Digitale Kompetenzen
  • Deutsch und Fremdsprachen
  • Green Skills, also Bewusstsein für energieeffizientes, nachhaltiges und ressourcenschonendes Handeln
  • Soft Skills, also soziale Kompetenzen
  • Multi-Skilling, also die Fähigkeit, verschiedene Arbeitsbereiche übernehmen zu können

In der aktuellen Projektreihe wird sich den, erraten, New (Digital) Skills gewidmet, also den neuen Kompetenzen, die im Rahmen der Digitalisierung gebraucht werden. Diese Projektreihe besteht aus Workshops mit Unternehmen, in denen genau diese Kompetenzen herausgearbeitet und definiert werden sollen, um die MitarbeiterInnen zukünftig besser darauf vorzubereiten. Und diesen Prozess werde ich als externe Beobachterin begleiten und hier dokumentieren.

Wie könnt ihr euch das vorstellen?

Naja, lasst mich einfach Johannes Kopf zitieren, als ich ihm dieselbe Frage gestellt habe:

„In deinen Worten, mit deinem Schmäh. Schreib das, was du wichtig findest.“

Ich freu mich drauf!

6 Antworten auf “NOCH eine Digitalinitiative?”

  1. Tritremmel Wolfgang 26.02.2019 bei 20:37

    Es war eine wirtschaftlich kritische Zeit mit viel Kurzarbeit als ich dem AMS vorschlug, für die Zeit der Unterauslastung den Betrieben Weiterbildung zu Neuem Wissen, insbesondere zu New Skills anzubieten. Ich freue mich, daß diese“Saat“ aufgegangen ist und weiterlebt! Viele engagierte im AMS, den Sozialpartnern und den Betrieben, die ihr Wissen eingebracht haben sei gedankt!

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    1. Johannes Kopf 27.02.2019 bei 09:09

      Dank gebührt ganz speziell Dir lieber Wolfgang, nicht nur als so langjähriges Präsidiumsmitglied, sondern als der wohl wichtigste Vater der New Skills Bemühungen des AMS!

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  2. Christian Rojer 27.02.2019 bei 07:13

    Das AMS redet von Digitalisierung arbeitet jedoch auf einem System das auf einer „uralttechnik“ basiert und so gut wie nichts neues an Innovationen im eigenen System zulässt. Nach Problemen mit IBM hat das AMS einen großen Fehler gemacht. Anstatt ein neues System welches der Technik Zeitgemäß ist anfertigen zu lassen und Vorreiter zu werden, haben Sie Ihr altes System einfach einen anderen Anbieter (BRZ) verwalten lassen. Was auf Dauer nur dazu führen wird, dass die selben Probleme wie bei IBM auftreten werden da das System einfach sehr unfexibel und nicht mehr Zeitgerecht ist. Für wirklich neue Innovative nachhaltige Lösungen ist das AMS dann doch wieder nicht so Innovativ wie Sie es gerne von Ihren eigenen Kundinnen hätten. L.G Christian.

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    1. Lieber Herr Rojer! Beim AMS gibt es derzeit 160 IT-Anwendungen die auf verschiedensten Technologien basieren. Viele dieser Systeme haben wir in den letzten Jahren weiterentwickelt bzw. neu implementiert. Beispiele dafür sind die AMSJobApp, der Algorithmus PAMAS, die elektronische Akte, ein neues Druck- und Formularwesen, Collaboration- und Enterprise Social Media Tools, etc. Auch im Bereich der eServices sind wir im öffentlichen Bereich gut dabei, wie wir derzeit auch im Rahmen der Initiatve „Digitales Österreich“ sehen.
      Das Kernsystem basiert zugegebenerweise auf einer schon in die Jahre gekommenen Technologie. Es ist geplant diese Technologie nach Übernahme durch das BRZ zu erneuern. Die Umstellung einer so geschäftskritischen Anwendung für das AMS geht aber leider nicht so rasch wie wir uns das wünschen würden, ist mit hohen Kosten verbunden und bedarf mehrerer wohlgeplanter Schritte, die wir nach der Übernahme durch das BRZ rasch angehen wollen.

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      1. Christian Rojer 27.02.2019 bei 10:54

        Das finde ich Super… das sind wirklich tolle Infos..
        Vielen Dank für die rasche tolle Antwort.

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  3. Bettina Huber 28.02.2019 bei 09:25

    Zuerst einmal danke für den tollen Blogbeitrag. Ich freue mich zu lesen, dass einmal geschrieben wird, dass es nicht nur „eine digitale Kompetenz“ gibt. Ich bin ebenfalls überzeugt, das man hier sehr vorsichtig sein muss, was wo sinnvoll eingesetzt und gebraucht werden kann. Ich selbst bin AMS Mitarbeiterin und 50+ und bin begeistert wie die Kollegen und Kolleginnen mit allen Neuerungen im IT Bereich in den letzten Jahren umgegangen sind. Ein Beispiel: ein Workshop in dem wir ein eLearning mittels Serious Games unterstützen wollten, wurde mit Begeisterung aufgenommen – (leider noch) nicht umgesetzt.Ich bin auch überzeugt, dass für unsere Kunden und Kundinnen noch mehr an digitalem Service drinnen wäre: z.B. Chatbot, IT unterstützte Auskunft a la Peppa und Alexa, aber auch intern IT unterstützte Beratungsleistungen – und es wird wahrscheinlich auch geschehen. Wichtig finde ich, den Menschen die „Angst“ zu nehmen (Arbeitsplatzverlust, Versagen…), gibt man ihnen die Chance, die Möglichkeiten zu erkennen und zu verstehen, entstehen innovative Ideen, die wir so dringend brauchen. Gerade die älteren, nicht digital natives, müssen die Möglichkeit haben, ihr Erfahrungswissen zu teilen und dazu alle Vorteile des Web 2.0. bis zu Web 4.0. zu nutzen. Ich habe viele Menschen (45+) z.B. auf #fhburgenland kennengelernt, die twittern, insta, bloggen, Podcasts usw verwenden/machen und so gemeinsam mit den „jungen“ wirklich Neues entsteht. Grundlagen zum Lernen sollten allerdings auch von den Arbeitgebern geboten werden, bevor man als Unternehmen auf Digitalisierung setzt.

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